Rottweil: Wo Deutschlands älteste Stadt ihren Hochturm in die Moderne streckt
„Wer unsere Stadt besucht, erlebt tausend Jahre Geschichte auf einem Fleck“, schmunzelt die Stadtführerin Helga Müller. Und tatsächlich – Rottweil, die älteste Stadt Baden-Württembergs, erzählt ihre Geschichte nicht durch verstaubte Museumsstücke, sondern durch lebendige Straßenzüge. Während mein Blick über die mittelalterlichen Fachwerkhäuser wandert, ragt in der Ferne der 246 Meter hohe Testturm wie ein futuristisches Ausrufezeichen in den Himmel – ein faszinierender Kontrast zu den jahrhundertealten Mauern des Schwarzen Tors, das seit 1230 wie ein steinerner Wächter über die Stadt wacht.
Von römischen Wurzeln zum architektonischen Phänomen
Die Stadt am Neckar wurde einst als „Arae Flaviae“ von den Römern gegründet. Heute erzählt das Historische Schwarzwaldregion Dominikanermuseum beeindruckend von dieser Vergangenheit. „Unsere römischen Funde sind so bedeutend, dass Archäologen aus ganz Europa zu uns kommen“, berichtet Museumsdirektor Dr. Schmidt. Der Spaziergang durch die Altstadt gleicht einer Zeitreise – von der Römerzeit über die freie Reichsstadt bis ins 21. Jahrhundert mit dem atemberaubenden Testturm, der die höchste öffentlich zugängliche Besucherplattform Deutschlands bietet.
Drei Türme, die den Himmel berühren
Rottweils Silhouette prägen drei majestätische Türme, die wie steinerne Zeitzeugen über die Stadt wachen. Der mittelalterliche Hochturm und der 70 Meter hohe Turm der Kapellenkirche erzählen von Jahrhunderten städtischen Stolzes. Der ThyssenKrupp-Testturm hingegen verkörpert moderne Ingenieurskunst. „An klaren Tagen kann man bis zu den Alpen sehen“, schwärmt Hans Weber, langjähriger Turmwächter. „Man versteht erst hier oben, warum unsere Stadt den Beinamen ‚Türmestadt‘ trägt.“
Geheimtipps abseits der Touristenpfade
Wer Rottweil wirklich kennenlernen möchte, sollte den zauberhaften Stadtpark und Spalierweg erkunden. Diese grünen Oasen offenbaren versteckte Winkel und atemberaubende Ausblicke. Ein weiteres Juwel ist das Naturerlebnisse im Schwarzwald Römerbad, wo sorgfältig freigelegte Thermen Einblicke in das Alltagsleben vor 2000 Jahren gewähren. „Viele Besucher verpassen leider diese archäologische Perle“, verrät die Archäologin Maria Schulz.
Die „Welt der Kristalle“ – Funkelnd und faszinierend
Ein außergewöhnliches Erlebnis bietet das Museum „Welt der Kristalle“ am Stadtrand. Hier funkeln über 1000 Mineralien und Fossilien um die Wette. Kurator Peter Schmid erklärt: „Viele unserer Exponate sind so selten, dass man sie sonst nur in den großen Naturkundemuseen der Welt findet.“ Besonders beeindruckend: ein zwei Meter hoher Amethyst, dessen violette Kristalle im Scheinwerferlicht magisch glitzern.
Fasnet – Wo Tradition lebendig wird
„Narri, Narro!“ – wenn dieser Ruf im Februar durch die Gassen schallt, verwandelt sich Rottweil. Die Fasnet mit ihrem berühmten Narrensprung zählt zu den ältesten Karnevalstraditionen Deutschlands. „Unsere Holzmasken werden seit Generationen nach alten Vorlagen geschnitzt“, erzählt Narrenmeister Klaus Huber stolz. Die „Gschell“, das rhythmische Klingeln der Narrenkleider, begleitet die farbenprächtigen Umzüge durch die Deutsche Fachwerkschätze mittelalterlichen Gassen.
Kulinarische Entdeckungen zwischen Tradition und Moderne
Die schwäbische Küche wird in Rottweil zelebriert. In gemütlichen Wirtshäusern wie dem „Felsenkeller“ serviert man dampfende Maultaschen nach Großmutters Rezept. In der „Stadtmühle“ hingegen interpretiert Küchenchef Michael Baum regionale Klassiker auf moderne Weise neu. Sein Tipp: „Probieren Sie unbedingt unsere Forelle aus dem Neckar mit Schwarzwälder Kirschwasser-Sauce – ein Geschmackserlebnis, das die Region perfekt einfängt!“
Übernachten mit Charakter und Geschichte
Von der romantischen Pension im Fachwerkhaus bis zum modernen Designhotel bietet Rottweil für jeden Geschmack die passende Unterkunft. Im historischen Gasthof „Zum Wilden Mann“ übernachteten schon Goethe und Mozart. Die modern ausgestatteten Zimmer vereinen historisches Ambiente mit zeitgemäßem Komfort – und das zu vernünftigen Preisen zwischen 80 und 120 Euro pro Nacht.
Praktische Reisetipps für den perfekten Aufenthalt
Die beste Reisezeit für Rottweil ist von April bis Oktober, wenn die Stadt in mildem Sonnenlicht erstrahlt. Mit dem Auto erreichen Sie Rottweil bequem über die A81, mit dem Zug bestehen regelmäßige Verbindungen aus Stuttgart und Freiburg. In der kompakten Altstadt erkunden Sie die meisten Sehenswürdigkeiten bequem zu Fuß. Für weitere Ausflüge in die Region lohnt ein Besuch der Deutsche Kurstädte entdecken.
Rottweil – Ein Zeitreiseerlebnis zwischen Vergangenheit und Zukunft
In Rottweil verschmelzen Geschichte und Moderne zu einem faszinierenden Erlebnis. Während ich am Fuße des Testturms stehe und gleichzeitig auf die mittelalterliche Stadtmauer blicke, wird mir bewusst: Diese Stadt hat es geschafft, ihre reiche Vergangenheit zu bewahren und gleichzeitig mutig in die Zukunft zu schreiten. Wie der lokale Dichter Hermann Hesse einst schrieb: „Hier spürt man die Seele vergangener Jahrhunderte, während die Gegenwart ihre eigene Geschichte schreibt.“ Rottweil ist mehr als ein Reiseziel – es ist eine Städte mit historischer Architektur lebendige Zeitkapsel, die darauf wartet, entdeckt zu werden.