Diese Stadt der 14 Türme bewahrt 1000 Jahre Geschichte auf einem Granitfelsen (zweisprachiges Juwel der Oberlausitz mit schiefstem Turm Deutschlands)

In Bautzen schlägt das Herz der Oberlausitz mit 14 stolzen Türmen, die wie Wächter über die mittelalterliche Altstadt ragen. Auf einem mächtigen Granitfelsen thront diese charmante Stadt, die nicht nur architektonische Schätze birgt, sondern auch das lebendige Zentrum der sorbischen Kultur darstellt. Hier verschmelzen 1000 Jahre Geschichte mit gelebten Traditionen zu einem Erlebnis, das selbst erfahrene Deutschlandreisende überrascht.

Die Stadt der Türme und ihr faszinierendes Doppelleben

Die markanten Türme Bautzens prägen seit Jahrhunderten die Silhouette der Stadt. „Unsere Türme sind wie 14 Zeitzeugen, jeder mit seiner eigenen Geschichte“, erklärt Stadtführerin Maria Schmidt. Besonders beeindruckend: Der Reichenturm, Bautzens schiefster Turm, der die Touristen mit seiner Neigung von 1,44 Metern zum Staunen bringt. Doch das wahre Geheimnis Bautzens liegt in ihrer Zweisprachigkeit – überall begegnen Besucher den deutschen und sorbischen Ortsschildern.

Ein Kulturdenkmal mit gespaltener Seele

Der majestätische St. Petri Dom offenbart eine Besonderheit, die in Deutschland ihresgleichen sucht: Als Simultankirche wird er seit 1524 von Katholiken und Protestanten gleichzeitig genutzt. „Das ist wie eine Wohngemeinschaft unter einem heiligen Dach“, schmunzelt der Domführer Thomas Lehmann. Ein Gitter trennt bis heute die Konfessionen – ein steingewordenes Symbol für Trennung und Zusammenhalt zugleich, das Besucher tief beeindruckt.

Auf den Spuren der Sorben: Lebendiges Kulturerbe

Im Sorbischen Museum tauchen Besucher ein in die Welt der westslawischen Minderheit, deren Traditionen hier lebendig bleiben. Zu Ostern verwandelt sich Bautzen in die „Osterhauptstadt“ Deutschlands, wenn die kunstvoll verzierten sorbischen Ostereier und das traditionelle Osterreiten Tausende Besucher anlocken. „Unsere Kultur ist kein Museumsstück, sondern gelebter Alltag“, betont die Museumsleiterin Jana Nowak stolz.

Genuss mit Senf-Tradition und sorbischen Gaumenfreuden

Der weltberühmte Bautzener Senf hat die Stadt auf die kulinarische Landkarte gehoben. In der historischen Senfstube können Feinschmecker bis zu 20 verschiedene Sorten probieren. Daneben locken traditionelle sorbische Spezialitäten wie die deftige „Serbska poliwka“ (Hochzeitssuppe) oder süße „Plinze“ (Pfannkuchen). Der Gastwirt vom „Wjelbik“ Restaurant erklärt: „Unsere Küche ist wie unsere Stadt – eine perfekte Mischung aus deutscher Gründlichkeit und slawischer Seele.“

Zwischen Romantik und düsterer Geschichte

Die idyllische Fischerpforte mit dem malerischen Hexenhäuschen zählt zu den romantischsten Ecken Bautzens und verzaubert mit mittelalterlichem Charme. Doch die Stadt konfrontiert Besucher auch mit ihrer dunklen Vergangenheit: Das Bautzen Memorial erinnert an die politischen Gefangenen, die hier während der DDR-Zeit inhaftiert waren. Rottweil mit seiner historischen Altstadt zeigt ähnliche Kontraste zwischen idyllischer Schönheit und bewegter Geschichte.

Die beste Perspektive: Bautzens Aussichtspunkte

Vom Protschenberg aus offenbart sich das vielleicht schönste Panorama der Stadt. „Wenn die Abendsonne die Türme in goldenes Licht taucht, versteht man, warum Bautzen auch ‚Stadt des goldenen Daches‘ genannt wird“, schwärmt Fotografin Claudia Weber. Ein weiterer Geheimtipp: Die Friedensbrücke bei Sonnenuntergang, wenn die Spree die Lichter der Altstadt reflektiert.

Anreise und Unterkünfte mit Charme

Von Dresden erreichen Besucher Bautzen in nur 45 Minuten mit dem Regionalzug. Zittau im nahegelegenen Dreiländereck ist ebenfalls gut angebunden. Die Stadt bietet charmante Unterkünfte in historischen Gebäuden, wie das „Hotel Alte Bautzener Brauerei“, wo Gäste in liebevoll restaurierten Zimmern übernachten.

Verborgene Entdeckungen abseits der Hauptattraktionen

Auf der selbstgeführten Schnitzeljagd „1000 Schritte durch 1000 Jahre“ entdecken Besucher versteckte Winkel und Legenden. Die Ortenburg, einst mächtige Festung, beherbergt heute das Museum Bautzen mit über 400.000 Exponaten, darunter einzigartige sorbische Kunstschätze. Offenburg mit Barockschätzen bietet ähnlich spannende kulturelle Entdeckungen für Geschichtsliebhaber.

Kulturelle Feste und Veranstaltungen im Jahreskreis

Das Stadtfest im Juni verwandelt die Altstadt in eine lebendige Bühne. Im Winter verzaubert der traditionelle Wenzelsmarkt mit seiner über 600-jährigen Geschichte. „Bei uns ist jede Jahreszeit ein guter Grund zu feiern“, erklärt Bürgermeister Michael Schmidt. Kaufbeuren mit mittelalterlichem Flair hat ähnlich beeindruckende Traditionen zu bieten, die Besucher aus ganz Deutschland anziehen.

Bautzen verzaubert mit seinem unverwechselbaren Charakter, in dem deutsche Präzision auf slawische Seele trifft. Hier erlebt man Geschichte zum Anfassen, Kultur zum Mitfeiern und Genuss mit überraschenden Aromen. Marbach am Neckar für Literaturfreunde mag seinen eigenen Reiz haben, doch Bautzen bietet eine einzigartige Mischung aus mittelalterlichem Erbe, lebendiger Zweisprachigkeit und kulinarischen Entdeckungen, die unter die Haut geht – ein noch unentdecktes Juwel, das darauf wartet, von aufgeschlossenen Reisenden erobert zu werden.